Was ist VoIP?
Die Internet-Telefonie (VoIP) ist die kostengünstigste Lösung für Sprachübertragung und Videotelefonie. Die Grundlage dafür wurde aus der flächendeckend vorhandenen Internetanbindung und den immer weiter steigenden Datenübertragungsraten geschaffen. Mit Hilfe spezieller Hardware oder Software wie Skype, TeamSpeak, Ekiga (ehemals GnomeMeeting) oder Kphone kann somit die Netzwerkinfrastrukur zum Telefonieren genutzt werden. Da viele Privatpersonen und Firmen über kostengünstige Zugänge, oft in Verbindung mit Flatrates, verfügen, ist der zusätzliche Datenverkehr kostenlos bzw. sehr günstig. Statt der für die herkömmliche Telefonie notwendigen festen Durchschaltung von Leitungen werden die bei VoIP übertragenen Daten in Pakete unterteilt und wie alle anderen Daten im Netzwerk ebenfalls über die vorhandene Infrastruktur mit Hilfe des Internet Protocol (IP) übertragen. Somit ergibt sich eine effizientere Nutzung vorhandener Datenverbindungen und automatisch auch eine Ausfallsicherheit durch die Umleitung über andere Netzwerkbereiche. Durch diese modernen Lösungen sinkt die Bedeutung und Nutzung der klassische Telefonnetzwerke seit einigen Jahren spürbar und zeitgleich wird neuerdings dank der Möglichkeiten durch WLAN sogar eine ansatzweise mobile VoIP-Telefonie ermöglicht. Gleichzeitig bietet VoIP einen gewissen Schutz vor dem Abhören von Gesprächen, da hierzu nicht mehr die festen Leitungen angezapft werden können, sondern der komplette digitale Datenverkehr des Internets überwacht und analysiert werden muss. Die Möglichkeiten der neuen Technologien bringen zwei Parteien auf den Plan, die sich auf ihre Art gegen VoIP stellen. Zum einen sind dies die alten Telekommunikationskonzerne, die dank der günstigeren Alternativen merkliche Gewinneinbußen zu spüren bekommen. Die andere Partei versucht unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung die durch VoIP geschaffene Freiheit einzuschränken.
Infineon meldet Patent auf Störtechnik an
Für die großen Betreiber der Festnetztelefonie wie die Deutsche Telekom bedeutet die fortschreitende Verbreitung von VoIP, dass die Kunden ihre Gelder anders investieren und dementsprechend den Telefonbetreibern bedeutend weniger Gewinne zufließen und die Kunden davonlaufen. Neben den vorrangig in den Großstädten verfügbaren lokal begrenzten Angeboten anderer Konkurenten und den Kombiangeboten des Viag-Interkom-Nachfolgers o2 Germany ist die Internet Telefonie das Hauptproblem der Telefonnetzwerkbetreiber. Auch die Mobilfunkbetreiber spüren bereits erste Änderungen im Telefonverhalten durch die zunehmende Verbreitung von WLAN-Hotspots, so sind z.B. seit der WM2006 sehr viele McDonalds-Filialen mit WLAN ausgestattet worden - ein schlagartiger nicht zu unterschätzender Ausbau der mobilen Möglichkeiten. Diese Probleme soll nach Vorstellung Infineons mit Hilfe ihres neuen Patents wirksam bekämpft werden können. Hierzu wird ein spezielles System in die Datenleitungen integriert, welches gezielt nach VoIP-Paketen sucht. Diese VoIP-Daten werden anschließend durch "Pseudo-Datenpakete" ergänzt und ein zusätzlicher Filter sorgt dafür, dass die Sprachdatenpakete zurückgehalten werden. Somit wird die benötigte Bandbreite zum einen intern künstlich erhöht und zum anderen durch die Verzögerung grundlegend gestört. Dadurch wird künstlich für eine sehr starke Verschlechterung der Tonqualität gesorgt, so dass VoIP-Telefonate kaum noch durchführbar sind. Um diese vorsätzlichen Störungen zu verschleiern, werden die zuvor eingefügten Stördatenpakete abschließend wieder herausgefiltert.
Die neue Technik von Infineon mag zwar vorübergehend für einige der Telekommunikationskonzerne von Interesse sein, aber Fortschritt ist bekanntlich nicht aufzuhalten. Zum einen lassen sich mit Hilfe verschiedener Techniken wie VPN-Tunnels und unterschiedlicher Verschlüsselungstechniken die VoIP-Störtechniken umgehen, zum anderen liegt das ganze auch rechtlich gesehen in einer Grauzone. Von außen betrachtet ist der Unterschied in der Datenübertragung von den Verzögerungen abgesehen zwar nicht nachvollziehbar, andererseits handelt es sich genau betrachtet jedoch um eine Man-in-the-Mittle-Attack, die wenn man sie privat zur Störung fremder Kommunikation durchführen würde, auch ohne die Veränderung der eigentlichen Daten rechtlich bedenklich wäre. Dennoch kann man davon ausgehen, dass auf diese Art und Weise einige der Besitzer großer Kommunikationsnetzwerke einige Zeit lang versuchen werden, den technische Fortschritt der Internet-Telefonie zumindest für die normalen User ohne weitergehende Kenntnisse zu behindern. Im Gegenzug ist es sehr wahrscheinlich, dass sich die Nutzer in Foren usw. darüber austauschen werden, welche Provider die neue Technik nutzen bzw. ihre Daten über Netzwerke routen, die die Infineon-Erfindung einsetzen. Das Ergebnis wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine zunehmende Meidung dieser Provider und ihrer Netzwerke sein. Damit könnte der Einsatz dieser Technologie langfristig betrachtet für die entsprechenden Unternehmen zum Boomerang werden könnte.
Spionage: US-Behörden dürfen mithören
Es ist bekannt, dass die Geheimdienste der Welt, allen voran die amerikanischen, riesige Mengen von Daten aus dem Internet automatisiert durchsuchen und dies nicht nur in den jeweils eigenen Staaten. Dazu kommt die vollautomatische Überwachung aller Telefonate sowohl im Festnetz als auch in den Mobilfunknetzen, in denen mit Hilfe von Spracherkennungsalgorithmen gezielt nach bestimmten Begriffen gesucht wird. Vieles davon passiert wie bei Geheimdiensttätigkeiten üblich illegal und ohne Kenntnis der Öffentlichkeit über die Sachverhalte. Um die rechtliche Situation auch für die normale Strafverfolgung aufzuweichen und die einsetzbaren Techniken und Methoden zu optimieren, wurde kürzlich in den USA vom Berufungsgericht des District of Columbia die Entscheidung gefällt, dass Internet Service Provider (ISP) die gleichen Pflichten haben, wie die klassischen Telefongesellschaften. Damit sind die in den USA tätigen ISPs ebenfalls dazu verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass die amerikanischen Behörden auf richterlichen Beschluß Zugang zu den ISP-Netzwerken zum Zwecke der Überwachung von VoIP-Telefonaten erhalten. Datenschutzbestimmungen und Aspekte der Datensicherheit werden dadurch grundlegend verwässert und die Nutzung geeigneter Verschlüsselungssysteme wie z.B. die relativ junge Software Zfone des PGP-Entwicklers Phil Zimmermann als Verschlüsselungsebene zwischen VoIP-Client und Netzwerk könnte in den USA schon bald verboten sein. Big Brother is watching you. Zwar sind wir in Deutschland und Europa durchaus noch weit von dieser totalen Überwachung entfernt, durch die fortschreitende Einmischung in die Konflikte der Welt und die Unterstützung amerikaner Kriege durch deutsche Truppen zur angeblichen Terrorbekämpfung könnte sich dies jedoch nach und nach auch ändern.
Quellen:
Neues Deutschland vom 2./3. September 2006
Linux Intern 04/06 (September-November, Data Becker Verlag)
Autor: Norbert Schröder
Datum: 04.09.2006
zurück zu Telekommunikation